Cordula Daus
Kay, or a Case for Intensity

„Kay, or a Case for Intensity“ ist ein künstlerisch-literarisches Experiment, das die Wechselwirkung zwischen Körper und Sprache am Beispiel der „Intensität“ erforscht. Dafür erfinde ich die Figur Kay:

Kay, 45, ist entzündet. Wo?, fragt der Arzt. Eine Autoimmunkrankheit, sagt der Oberarzt. Ich kann in der Schilddrüse nichts finden, meldet der Endokrinologe. Sie hat sich hineingesteigert. In ein Kind, in eine Liebe. Beide wurden entfernt, schreibt der Hausarzt. Kay schlägt zurück. Stark, stärker, am stärksten. Der Linguist misst. Was sagt der Magen, fragt die Therapeutin. Kay sucht den Ort. Der Magen spricht kein Deutsch. Bitte nehmen sie das Wort raus, sagt Kay, da ist kein Organ, das ich aussprechen kann.

Wie kann Intensität [1] erfasst werden? Wo findet sie statt? Welche „Sprache“ spricht sie? Und: Wie kann ich über/mit Körper schreiben?

Meine Arbeit geht von folgender Prämisse aus: Intensität stellt ein Problem für Wissenschaft und Sprache gleichermaßen dar. Der Grad einer subjektiven Empfindung wie Lust, Liebe, Wut oder Schmerz ist weder objektiv messbar noch sprachlich adäquat repräsentierbar. Intensität erfordert eine interdisziplinäre, poetologische Verfahrensweise, wie sie im Rahmen künstlerischer Forschung gegeben ist.

Kay ist ein Behälter und Fall, den ich in einer Kombinatorik wissenschaftlicher und literarischer Mittel behandeln werde. Ich führe damit eine Erschütterungskunde fort, die ich im Rahmen meiner Publikation Toponymisches Heft Nr. 3 begonnen habe. Dazu werde ich ausgewählte Techniken aus Seismologie, Medizin und Psychologie studieren, die Intensität als „Kraft einer Einwirkung“ messen und beschreiben. Im Zentrum meiner Arbeit steht eine Versuchsreihe, in der ich mir diese Techniken aneigne. Als body double von Kay werde ich mich gezielt in verschiedene Körperteile und Zustände hineinversetzen. Ziel meines Projekts ist es, ein Schreibsystem von Intensität zu er/finden, das den Gratwanderungen meiner Figur gerecht wird. Eine Reihe von performativen Vorträgen wird den Prozess meiner Arbeit, die Formwerdung eines Buchs, begleiten.

Bild: Cordula Daus, „Exercises in New Meaning“, 2018

[1] Das Nomen Intensität taucht in den naturwissenschaftlichen Diskursen Europas erstmals im 18. Jahrhunderts auf. Ursprünglich geprägt, um Steigerungs- oder Abfallverläufe physikalischer Phänomene wie Licht oder Temperatur exakt zu bezeichnen, fungiert der Neologismus bald als Metapher für die „Gradbewegung“ (Novalis) innerer Empfindungen, Leidenschaften und Zustände. Intensität etabliert sich als „Größe einer Qualität“, die zwischen Außen und Innen, zwischen Wissen und Fühlen zu vermitteln verspricht, deren exakte Messung jedoch auf direktem Wege nicht möglich ist.

Tutor: Ferdinand Schmatz

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