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Hinnerk Utermann
Talking House

Betreuer: Jan Svenungsson

 

Talking House besteht aus einer Serie von Bauten, die als experimentelle Apparaturen errichtet werden, um das Phänomen der Nähe (Proximität) zu untersuchen.

Was ist Nähe? Wie lässt sie sich beschreiben, definieren und konstruieren? Was sind die intrinsischen Qualitäten gebauter Situationen, die Nähe ermöglichen? Wie können Situationen geschaffen werden, die Nähe zwischen zwei Fremden ermöglichen? Wie wird Nähe in verschiedenen räumlichen Konfigurationen erlebt?

Um diese Fragen zu beantworten, entwickle ich Apparaturen – experimentelle Versuchsanordnungen – die ich Talking House nenne. Jedes dieser „sprechenden Häuser“ verfügt über ein spezifisches innewohnendes Wissen, über immaterielle und materielle Eigenschaften, die für sich sprechen und zugleich eine bestimmte Weise des Umgangs und der Kommunikation erlauben. Durch die Wahl des Materials, Baustruktur, Größe, Ausrichtung, Beleuchtung usw. repräsentieren Bauten eine Begrenzung und Rahmung. Talking House erforscht diese Grenzen und Beschränkungen, um räumliches Verhalten zu untersuchen. Hierfür greife ich auf Methoden aus dem Bereich der Proxemik zurück.

Der Begriff der Proxemik wurde vom Anthropologen Edward T. Hall geprägt und fokussiert das Raumverhalten des Menschen. Halls interkultureller Theorie zufolge, die teils auf Erkenntnissen aus Biologie und vergleichender Verhaltensforschung (Ethologie) basiert, lebt der Mensch, wie jedes Tier, eingebettet und in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis mit seiner Umgebung: „Der Mensch und seine Umgebung formen sich gegenseitig. Der Mensch ist nun in der Lage, die gesamte Welt, in der er lebt, tatsächlich zu schaffen, worauf sich die Ethologen als sein Biotop beziehen. Indem er diese Welt schafft, determiniert er in Wirklichkeit, welche Art von Organismus er sein wird.“ (Edward T. Hall, The Hidden Dimension, 1966) Hall beschreibt ein System räumlicher Abstände, das aus vier Distanzzonen (intim, persönlich, sozial, öffentlich) besteht, welche den Menschen wie unsichtbare Blasen umgeben. Diese immateriellen Bereiche definieren ein persönliches Territorium, das überwacht und geschützt wird. In Abhängigkeit von Situation, sozialem Umfeld und kulturellem Hintergrund werden unterschiedliche Distanzen gewahrt. Mit Talking House entwickle ich ein eigenes System gebauter Metriken und Protokolle, um Nähe zu beschreiben. Dazu schlage ich eine Serie von Bauten für zwei Personen vor, die jeweils ein bestimmtes Nähe-Distanz-Verhältnis herstellen.

Meine Praxis basiert auf dem Prozess des Bauens selbst. Dieses Bauen ist ein Herstellen, ein Herstellungsprozess, der auf meinen Erfahrungen als Architekt, Handwerker und Forscher beruht und vom stillen Wissen der Materialien und Werkzeuge bestimmt wird. Der Bauprozess beginnt unmittelbar am Aufstellort und erfolgt mittels einer reduzierten Werkzeugpalette (Akkuschrauber, japanische Säge) und einer begrenzten, kostengünstigen und leicht zu verarbeitenden Auswahl an Materialien (Holzwerkstoffe, Schrauben etc.).

Die Bauten, die mir als Forschungsapparatur dienen, sind in ihrer Nutzung für die Zusammenkunft von zwei Personen bestimmt. Als solche betrachte ich sie als Modelle. Zum einen führen die Begrenzungen im Herstellungsprozess zu elementaren Lösungen und einem einfachen Erscheinungsbild, das den Bauten einen Modellcharakter (im Sinne eines schematischen Abbildes einer komplexeren Wirklichkeit) gibt. Zum anderen stellen die Bauten eine je spezifische Form der Nähe zwischen zwei Nutzer*innen her. Somit ist jedes Talking House ein Modell für Proximität, ein Proxemik-Modell.

Seit Beginn der Forschungsarbeit sind drei Bauten realisiert worden (Space Compartment One, Hochsitz, Talking House). Diese wurden von mir und geladenen Gästen genutzt und repräsentieren bestimmte Formen des Zusammenseins; der Teilnahme und Teilhabe in/an den Bauten. Der Prozess der Forschung wird in Protokollen und durch die Herstellung von Miniatur-Modellen dokumentiert. Neben dem begehbaren 1:1-Modell aus Holz, der eigentlichen Versuchsapparatur, gibt es ein kartografisch-räumliches Abbild desselben, ein Miniaturmodell im Maßstab 1:10. Die Verkleinerung macht einen Zutritt unmöglich, aber ermöglicht eine distanzierte Betrachtung aus der Vogelperspektive, eine proxemische Ent-fernung.

Talking House geht von einem Bauen-als-Forschen aus. Der Bauprozess und die Bauten selbst stehen im Mittelpunkt des Projekts. Geladene Gäste, Freund*innen oder unbekannte Passant*innen – der/die „Nächste“ – werden Teil einer künstlerischen Forschung, die sich mit den Modalitäten und Materialitäten gebauter Verhältnisse als spezifischen Konstellationen von Nähe und Distanz auseinandersetzt. Auf diese Weise will Talking House einen Beitrag zu aktuellen Debatten über social distancing sowie zu zeitlosen Diskussionen über räumliches Verhalten leisten.