Autoimmunität und Anthropologische Differenz. Die innere Krise als globale Krise
Barbara Macek

Abteilung: Kunst und Wissenschaft
Beginn: 2018
Betreuer: Univ.- Prof. Virgil Widrich

 

Im Mittelpunkt des Forschungsprojekts steht die Frage nach der Bedeutung von Autoimmunität, die in der Medizin nach wie vor ein Rätsel darstellt, obwohl immer mehr Menschen von Erkrankungen im Zusammenhang mit diesem Phänomen betroffen sind.

Den theoretischen Rahmen der Arbeit bildet die Biophilosophie Helmuth Plessners, deren zentrale Idee in der Annahme einer existenziellen Positionalität als differenziellesmCharakteristikum von Lebewesen besteht. Im Bezug auf den Menschen wird dieses Unterscheidungsmerkmal gegenüber allen anderen Existenzweisen als anthropologische Differenz bezeichnet.

Menschsein bedeutet nach Plessner, in exzentrischer Positionalität zu existieren – physisch zwar zentral organisiert zu sein, wie es für alle Tiere typisch ist (und im Kontrast zur offenen, dezentralen Organisationsform von Pflanzen steht), aber über die Möglichkeit der Selbstreflexion immer wieder aus der Mitte herauszutreten, und in der so entstehenden Selbstdistanz einen existenziellen Bruch zu erleben. Es ist diese Brüchigkeit, so Plessner, die letztlich das menschliche Sein prägt.

Die Konsequenz ist eine fortwährende Ambivalenz einer solchen Existenz, und Phänomene wie Lachen und Weinen weisen auf diesen Zustand der Zweideutigkeit hin. Plessner spricht hier vom Verfallen – der Mensch verfällt dem Lachen, oder er fällt ins Weinen. In beiden kommt es zur körperlichen Desorganisation und die Positionierung gerät in eine „Unruhelage“. Für Plessner sind Lachen und Weinen daher Ausdrucksformen einer Krise im Verhältnis des Menschen zu seinem Körper. Sie sind aber als sinnvolle Antwort auf vorerst unbeantwortbare Fragen zu deuten.

Diese Betrachtungsweise von Lachen und Weinen wird in der Hypothese der präsentierten Arbeit auf autoimmune Dynamiken angewandt – denen wir ebenso verfallen, und die sich der normalen Ordnung und unserer Leibbeherrschung ebenso entziehen. Der autoimmune Zustand lässt sich auch als Ausdrucksform einer Krise begreifen, als Unruhelage – kurz gesagt, als conditio humana, in der die existenzielle Zweideutigkeit exzentrischer Positionalität zum Tragen kommt.

Darüber hinaus postuliert die Hypothese, dass Autoimmunität bedeutungsvoll ist – im Gegensatz zum verbreiteten Bild vom autoimmunen Körper als dunkle bedrohliche Entität, die Prozessen „sinnloser Selbstzerstörung“ unterworfen ist.

Zur Untersuchung der Relation zwischen Autoimmunität und exzentrischer Positionalität wurde eine eigene Technik entwickelt, die Plessners biophilosophisches Konzept integriert, sowie methodisch an die Autoethnographie aus den Kulturwissenschaften anschließt. Unter dem Titel „PeP – Praktiken exzentrischer Positionalität“, bzw. „EEE – Exercises in Existential Eccentricity“, werden im Verlauf des Projekts Selbst-Befragungen ausgeführt, die kategorisierte Fragen, aber auch auf die Krankheit bezogene Objekte und Bilder, und vor allem Bewegungen im Raum umfassen.

Das Ergebnis der Durchführungen wird schließlich in Poesie übertragen, wobei die Technik der „Poetic transcription“ zur Anwendung kommt. Die Hauptintention des Projektes besteht darin, neue Bilder von Autoimmunität zu finden und zu entwickeln, die Betroffene von Erkrankungen im Zusammenhang mit Autoimmunität bei der Krankheitsbewältigung unterstützen.

(c) Barbara Macek